Für den 50. Geburtstag ihres Freundes überlegte sich Claudia F. aus Rheinhessen etwas ganz Besonderes. Zwei Tage vor dem großen Tag fuhr sie mit ihm aufgrund eines „wichtigen“ Geschäftstermins nach Mainz. Allerdings landeten sie nicht im Büro des Partners, sondern auf dem Hof von 2CV Entenkult. Dort wartete auf die beiden ein knallroter Citroën 2CV – vielen ist dieser französische Klassiker auch unter dem Namen „Ente“ bekannt.
Mit einer Citroën 2CV in den Odenwald
Dach auf und los ging´s! Es folgten vier wunderschöne Tage mit herrlichen Ausfahrten in Rheinhessen und in den Odenwald. Das Wetter spielte perfekt mit: Ab dem Moment, als die beiden die Ente starteten, schien nur noch die Sonne.
Die Überraschung war wirklich gelungen. Ihr Freund freute sich riesig über das Geschenk. Jugenderinnerungen wurden wach, denn mit 18 hatte er auch eine rote Ente besessen. Es war sein erstes Auto. Am vierten Tag hatte Claudia F. eine Geburtstagsparty organisiert. Die Ente war natürlich mit dabei. Die die Geburtstagsgäste hatten viel Spaß mit dem roten Schmuckstück, vor allem die Kinder, die so ein „lustiges Auto“ noch nie gesehen hatten.
Hinter 2CV Entenkult steckt Markus Kestner, der sich auf die Reparatur und Restaurierung von französischen Oldtimern wie Citroen und Renault spezialisiert hat. Allein wie Kestner dazu gekommen ist Enten zu restaurieren und zu vermieten, ist schon eine schöne Geschichte: Studiert hat er Architektur, aber er war schon immer ein Oldtimerfan und besaß bereits seit einer Schulzeit eine Ente. Mit 40 entschloss er sich, noch einmal ganz von vorne anzufangen: Er schulte zum KFZ-Mechaniker um und gründete seine eigene kleine Werkstatt. Aber lassen wir Markus Kestner selbst zu Wort kommen:
Wer mietet Ihre Oldtimer?
Die, die früher eine Ente hatten. Es ist immer wieder ein schöner Anblick: Auf einen Schlag sind diese Herren und Damen 30 Jahre jünger. Die Ente kann man nicht erklären. Sie ist ein sehr emotional aufgeladenes Fahrzeug. Entweder war sie das erste Auto oder das Auto aus der Studentenzeit oder sie haben in einer Ente geheiratet. Ich habe Kunden, deren Ente ich pflege, die sie seit 25 oder 30 Jahren besitzen. Sie ist wie ein Familienmitglied. Das Geld sie zu restaurieren und zu reparieren ist immer da.
Für welche Anlässe werden Ihre Fahrzeuge gemietet?
Anlässe gibt es genug wie zum Beispiel Hochzeiten oder Geburtstage. Am häufigsten sind es aber Ausflüge von ehemaligen Entenbesitzern, die noch sich einmal zurück in ihre Jugend beamen wollen. In früheren Jahren waren Entenbesitzer charmante “Freaks“ ohne Kohle.
„Die Ente kann man nicht erklären. Sie ist ein sehr emotional aufgeladenes Fahrzeug. Entweder war sie das erste Auto oder das Auto aus der Studentenzeit oder sie haben in einer Ente geheiratet.“
Markus Kestner von 2CV Entenkult
Inzwischen hat sich das komplett geändert.Jetzt sind wohlhabende erwachsen gewordene Herren und Damen meine Kunden. Wissen Sie, dass die Ente der Oldtimer mit der höchsten Wertsteigerung ist? Eine restaurierte Ente kann 15.000 bis 20.000 Euro und mehr kosten. Seltene Sondertypen wie die Sahara mit zwei Antrieben können sogar bis zu 50.000 Euro erreichen.
Wie weit dürfen Ihre Miet-Enten denn fahren? Gibt es ein Limit?
Gute Frage. Bisher habe ich kein Limit angegeben. Meine Kunden bleiben häufig in der Umgebung, aber es gab schon ein, zwei Ausnahmen, bei denen ich ziemlich überrascht auf den Kilometerzähler geschaut habe. Mal eben ein Trip hin und zurück nach München an einem Wochenende ist eigentlich nicht so gedacht. Wobei, wenn Sie mich fragen, welches Auto ich für eine Weltreise nehmen würde – es wäre immer eine Ente. Der beste Motor und leicht zu reparieren.
Geben Sie ihren Mietern eine Einführung, wie man eine Ente fährt?
Die meisten Mieter, die zu mir kommen, kennen die Ente aus ihrer Jugend und wissen ganz genau wie Gangschaltung und Bremse funktionieren. Sie freuen sich darauf mal wieder ein „richtiges“ Auto zu fahren. Es gibt schon ein paar Dinge, die man heutzutage für selbstverständlich an einem Auto erachtet. Die Ente hat keine Servolenkung – Muskelkraft und Ausdauer in den Armen sind da schon gefragt. Wenn dann doch mal ein Jungspund wissen möchte, wie sich ein Citroen 2CV fährt, zeige ich ihm die wichtigsten Unterschiede.

Besonders die Bremse wird unterschätzt und das kann beim Fahren in der Stadt schon ungemütlich werden. Man muss beim Bremsen ordentlich aufs Pedal treten. Außerdem geht der Blinker nicht automatisch zurück und ich zeige ihnen wie man tankt und das Auto abschließt.
Ich muss sagen, dass die gelbe Ente bei weitem die Beliebteste ist. Ich vermiete aber auch eine rote Ente und eine graue Charleston. Außerdem besitze und vermiete ich auch einen Renault R4, einen Renault 12 – der ist schon ein kleiner Exot – einen Citroen GS und einen VW Käfer.
War schon mal ein Mieter so begeistert, dass er sich eine Ente gekauft hat?
Ja, das ist schon vorgekommen. Auf Anfrage begleite ich Interessenten gern und berate sie beim Kauf. Ente ist nicht gleich Ente. Ich sehe und weiß, wo die Schwachstellen sind.
Zur Geschichte der Citroën 2CV
Pierre-Jules Boulanger, Citroën-Direktor in den 30ern, gab 1934 den Auftrag einen minimalistischen Kleinwagen zu bauen. Angeblich soll der Konstrukteur André Lefèbvre diese recht pragmatisch veranlagte Nachricht erhalten haben:
„Entwerfen Sie ein Auto, das Platz für zwei Bauern in Stiefeln und einen Zentner Kartoffeln oder ein Fässchen Wein bietet, mindestens 60 km/h schnell ist und dabei nur drei Liter Benzin auf 100 km verbraucht. Außerdem soll es selbst schlechteste Wegstrecken bewältigen können und so einfach zu bedienen sein, dass selbst eine ungeübte Fahrerin problemlos mit ihm zurechtkommt. Es muss ausgesprochen gut gefedert sein, sodass ein Korb voll mit Eiern eine Fahrt über holprige Feldwege unbeschadet übersteht. Und schließlich muss das neue Auto wesentlich billiger sein als unser ‘Traction Avant’. Auf das Aussehen des Wagens kommt es dabei überhaupt nicht an.“
Nachricht des Citroën-Direktor Pierre-Jules Boulanger an den Konstrukteur André Lefèbvre.
1939 wurden 250 wassergekühlte Prototypen der sogenannten 2CV Serie “A” bzw. TPV gebaut. TPV steht für Toute Petite Voiture, also ganz kleines Auto. Er hatte nur einen Frontscheinwerfer und war als reines Nutzfahrzeug geplant. So gab es keinen Anlasser. Er wurde mit einer Kurbel gestartet. Ein Mitarbeiter soll Pierre-Jules Boulanger gefragt haben, warum dies so sei. Boulanger’s Antwort war: „Das Auto ist für Bauern gedacht, und die sind alle verheiratet und haben eine Frau, die die Kurbel betätigen kann.“
Während der deutschen Besatzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg wurde das Projekt verheimlicht. Die meisten Prototypen wurden vernichtet, einige wenige wurden versteckt. Bis heute sind nur fünf erhalten gebliebene TPV bekannt – drei davon wurden 1994 in einer Scheune gefunden.
Schon 1939 begann Flamino Bertoni, der spätere Designer der Citroën DS, mit den Entwürfen für ein komfortableres und ansehnliches 2 CV Modell. Am 7. Oktober 1949 wurde dann auf dem Autosalon in Paris dieses Modell vorgestellt.
Der Rest ist Legende: Der Citroën 2CV wurde von 1949 bis 1990 gebaut und millionenfach verkauft. Ein Grund: Die Kosten für eine Ente waren in den 60er sehr erschwinglich. Sie kostete etwa genauso viel wie ein VW Käfer. Die Unterhaltungskosten waren gering und aufgrund des geringen Hubraums wurden auch keine hohen Kraftfahrzeugsteuern verlangt. Besonders in Deutschland wurde die Ente gerne von Studenten gefahren.
Zum Abschluss noch ein Video: Auf dem YouTube-Kanal von Motorvision gibt es eine kurze Doku über „Die größte Citroën-Sammlung der Welt? | Die 120 Oldtimer des Franz Peters“. Zu Sammlung gehören 35 Enten der letzten 60 Jahre.
Bilder via unsplash: - "Citroen 2CV in a vineyard" von Georg Eiermann - "Red Citroen car parked in Budapest" von Mick Haupt
